(Wohn)raum


Die ersten Überlegungen beginnen dort, wo ‚Wohnen‘ augenscheinlich erst beginnen kann. Bei 'Raum‘. Schon das Nachschlagen der lexikalischen Bedeutung dieses Begriffes deutet die Vielfalt existierender Raumkonzepte an. Von Raum lässt sich im philosophischen, psychologischen, mathematischen, physikalischen oder alltagsweltlichen Sinne sprechen. (siehe dazu Rau 2013, S. 52–70). Im Folgenden werden immer wieder unterschiedliche Aspekte des Raumbegriffs anklingen. Hauptsächlich ist in diesem Kontext jedoch die alltagsweltliche Dimension des Raumbegriffs bedeutend. Wir fassen Raum also zunächst als „mehr oder weniger fest begrenzte Ausgedehntheit von Materie“ (Rau 2013, S. 53). Wir erfahren Raum im Alltag mit allen Sinnen. Wir sehen ihn, spüren ihn und hören ihn. Das Verhältnis, in das wir uns zum uns umgebenden Raum setzen, beeinflusst unser Wohlbefinden maßgeblich. Wir nehmen Raum in seinen jeweiligen Eigenschaften, seiner Weite und seiner Begrenztheit sehr ernst (siehe dazu Rau 2013, 53f.).

Die Architekturtheorie ist wohl die Disziplin, die mit dem, dem alltagsweltlichen Verständnis vom Raum, am nächsten stehenden Begriff. Aber auch die Architekturtheorie ergründet den Ursprung des Räumlichen und sieht mehr als den von einem Gebäude umschlossenen Raum. Der Kunsthistoriker August Schmarsow spricht in seiner Antrittsrede zur Professur für Kunstgeschichte an der Universität Leipzig über Das Wesen der architektonischen Schöpfung und den Ursprung der Räumlichkeit des Menschen. Dieser Ursprung liegt für ihn in der Leiblichkeit des menschlichen Körpers begründet. Es ist auch dieser Körper, an dem wir die Beschaffenheit eines Raumes messen und der ein natürliches Maß vorgibt. Die Architektur orientiert sich von Beginn an, an den Bedürfnissen des Menschen. Ein Wandel in der Architektur bedeutet immer auch ein Wandel in den Bedürfnissen des Menschen (siehe dazu Schmarsow 08.09.1893). Die Gestaltung seiner Umwelt ist Ausdruck des Menschen selbst.

Auch für die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Wohnen bietet die Architekturtheorie eine Ansatzmöglichkeit. Sie zieht die Berechtigung der Auseinandersetzung zum einen aus der Lebenspraxis, wenn sie versucht den Wohnraum, den sie schafft, möglichst nutzbar und auf die Bedürfnisse der Bewohner abgepasst, zu gestalten. Aber auch aus raumtheoretischen Aspekten, wie beispielsweise die These einiger Theoretiker, dass ein Raum, ein Geschöpf der Architektur, erst dann sein Wesen bekommt, wenn er vom Menschen genutzt wird.

Ausführlich beschäftigt sich der Architekturtheoretiker Achim Hahn mit dem Begriff des ‚Wohnens‘ und greift hierbei immer wieder auch auf Diskussionen der Philosophie zurück. Die etymologische Herleitung des Wortes bringt die Verbindung mit Aspekten Bleibens, des Verweilens, des Wohlfühlens. Die Art und Weise wie wir wohnen, ist Ausdruck unserer eigenen Interpretation des uns umgebenden Raumes (siehe dazu Hahn 2008, S. 160). Es ist Ergebnis des Verhältnisses, in das wir uns zu dem uns umgebenden Raum gesetzt haben. Sieht sich der Architekt als Wohnraumschaffender, so muss er bedenken, dass Wohnen „ein freier Umgang mit den eigenen Fähigkeiten, Wünschen und Gefühlen [ist], dass dabei eine Wohnung in Gebrauch genommen wird“ (Hahn 2008, S. 159). Auch aus der Lebenspraxis kennen wir, dass Wohnen ein Prozess sein kann. Eine Aneignung von Raum, findet nicht von einem auf den anderen Moment statt.

Für eine immer noch ausschnitthafte, jedoch zum beabsichtigten Zweck ausreichende Antwort auf die Frage nach der Bedeutung und der Beschaffenheit von ‚Wohnen‘, möchte ich noch einige Anmerkungen, Fragen und Gedanken hinzufügen. Sicherlich hat Achim Hahn Recht, wenn er dem Mensch das Wohnen als sogenannten „Urbedürfnis“ (Hahn 2008, S. 169). zuspricht. Stellen wir jemandem die Frage „wo wohnst du?“‚ wird er uns sicherlich eine geografische, räumliche Antwort geben. Selbst wenn dies nicht ein Haus, eine Wohnung oder ein festes Zimmer meint. Wir wohnen, auch wenn wir uns noch nicht eingelebt haben. Wir wohnen vorübergehend in einem Hotelzimmer oder einer Ferienwohnung. Man übernachtet in einem Zelt, wenn es nur für eine begrenzte Dauer ist und auf einer freiwilligen Entscheidung beruht. Man lebt auch in einem Zelt, oder auf der Straße. Sicherlich knüpft Achim Hahn, wenn er meint, ein Mensch könne gar nicht anders, als zu wohnen, an die philosophischen Blick an, der stark durch die Philosophie Martin Heideggers geprägt wurde und im Menschen einen Erdenbewohner sieht. In dieser Eigenschaft ist das Wohnen mehr eine Daseinsweise, als ein aktiver Prozess. Die Schlüsse, die Architekten und Theoretiker daraus ziehen, verfolgen unterschiedlichste Ansätze. Damit gehört ‚Wohnen‘ zu den Begriffen, bei deren Verwendung oft von einem einheitlichen Verständnis ausgegangen wird, er sich aber in der Beschäftigung als äußerst vielfältig und komplex herausstellt.

 

Die Wohnqualität wird ebenso beeinflusst von dem Raum an sich, wie auch durch das direkte und indirekte Umfeld. Ich denke, dass wirkliches Wohnen ein gewisses Maß an Zufriedenheit und Wohlbefinden an einem Ort voraussetzt. Woher diese Zufriedenheit auch immer rührt, ist sie entscheidend für die Dauer und Beschaffenheit des vorhin angesprochenen Prozesses. Aus diesem Grund sei die Antwort auf die Frage danach, was ‚Wohnen‘ sei: „eine Art und Weise wie der Menschen in der Welt sein können, zufrieden und so dass sie bleiben wollen“ (Hahn 2008, S. 174).