Innen & Außen


In der Mitte dieses dialektischen Begriffspaares steht eine Grenze. Auch wenn ich herauszustellen versuche, dass neben diesen beiden Bereichen auch immer Übergangsbereiche existieren, so gibt es doch immer eine Schwelle an der wir sagen können, dass eine eindeutige Zuordnung zum einen oder anderen Bereich nicht mehr möglich ist. Ergänzen werde ich das Begriffspaar im Folgenden mit den Dimensionen der räumlichen, ich will es mal die natürliche Dimension von Grenze nennen. Gemeint ist damit der tatsächliche Unterschied zwischen Innen und Außen. Drinnen und Draußen. Innerhalb eines umbauten Raumes und außerhalb. Eine weitere Dimension werde ich versuchen über das Begriffspaar des Privaten und Öffentlichen zu greifen. Es stehen unter anderen die Fragen nach dem Naturbedürfnis des Menschen sowie dem Beschaffenheit des Privaten zur Disposition.

 

Der Unterschied zwischen Innen und Außen

Was schon in Auseinandersetzung mit Raum und Wohnen immer wieder anklang, wird auch hier weiterhin eine wichtige Rolle einnehmen. Die Bedeutung von Grenzen. Das Ziehen einer Grenze, das 'Sich-Abgrenzen', liegt im menschlichen Bewusstsein begründet. Die erste Grenze, die jedes Kind ungefähr im Alter von achtzehn Monaten zieht, ist die Grenze zwischen dem Selbst und dem Anderen. Mit dem ersten Moment, in dem ich mich zu etwas anderem in ein Verhältnis setzte, ziehe ich eine Grenze. Vom zentrierten Punkt des eigenen Selbst aus, gibt es nun etwas, was nicht ich bin. Ein Außen. Grenzen existieren in unterschiedlichsten Formen: räumlich, virtuell, politisch, geografisch, zwischenmenschlich. Die natürliche Räumlichkeit des Menschen in seinem körperlichen Dasein und damit der Standpunkt August Schmarsows, hierin den Ursprung aller Raumschaffungsambitionen zu sehen, habe ich schon in der Diskussion der Begriffe 'Raum' und 'Wohnen' thematisiert. Einen ähnlichen Standpunkt nimmt auch Achim Hahn in seinem Band zur Architekturtheorie ein (Hahn 2008, S. 133-136). Die Vielfalt der unterschiedlichen Dimensionen und Diskurse in denen der Raumbegriff diskutiert werden kann, gilt in ähnlichem Maße für die 'Grenze'.

 

Ich möchte also an dieser Stelle, die zeitweilige Beschränkung des Raumbegriffes von Hahn übernehmen, sodass wir im Folgenden von einem Raum, als einer von festen Grenzen eingeschlossenen Stätte ausgehen und damit mit einem, am Wohnen des Menschen orientiertem Raumverständnis arbeiten (Hahn 2008, S. 136). Damit begrenze ich mich auf die räumliche, die tatsächliche, physische Dimension der Grenze und kehre hierüber zu dem Begriffspaar Innen und Außen zurück.

 

Zu Beginn ist also erst einmal die scheinbar banale Frage zu stellen, worin genau der Unterschied zwischen Innen und Außen liegt. Man bedenkt die Schutzbedürftigkeit des Menschen und seine Schutzsuche im Inneren eines Raumen, umgeben von im Moment festen Grenzen in Form von Wänden. In den meisten Fällen wehren diese nicht nur Wind und Wetter ab, sondern schützen auch vor unerwünschten Blicken anderer Mitmenschen ( siehe dazu Flade (u.a.) 1987, S. 53). Geben wir diesen Schutz auf, so haben wir eine Grenze überschritten zwischen einem Drinnen und einem Draußen. Die kulturelle Praxis der Menschen, sich eine Behausung zu bauen und in ihr zu wohnen, sich zu Dörfern und Städten zusammenzufügen ist sehr alt. Schon im polis-Verständnis des Aristoteles, wird der Mensch in einem gemeinsamen Wohnen in der Stadt gesehen (siehe dazu Hahn, 2008, S. 163). Mit immer weiter und weiter fortschreitender Zivilisation verändert sich das Verhältnis des Menschen zur Natur.

Dieses Verhältnis zwischen Mensch und Natur ist eines, dessen Diskussion wir bis in die Antike zurückverfolgen können. Dieser Diskurs ist nicht nur ein sehr traditionsreicher, sondern auch eng verbunden mit anderen. Beispielhaft wären hier die Diskussionen um gesellschaftliche Phänomene wie Zivilisation als Gegenspieler von Natur, Natur und Kultur, Fortschritt und Rückbezug zu nennen. Aber auch mit der Diskussion eines Ästhetik-Begriffs, dem die Auseinandersetzung mit dem Schönen und Guten zugrunde liegt, die wiederum stark beeinflusst ist vom Natürlichen, Menschlichen und Nachgeahmten. Ich denke hierbei an imitatio, die Kunst als Nachahmung der Natur, bei Platon und den Mimesis-Gedanken bei Aristoteles. Ausführliches hierzu findet sich in Lexikoneinträgen zu Ästhetik (hier: Strube 2010).  Im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis Mensch-Natur möchte ich auf einen Aspekt des Ästhetik-Begriffs noch weiter eingehen. Die Kategorien des 'Schönen' und des 'Hässlichen' wurde nachhaltig durch Burke (1757) durch sublime, das 'Erhabene' ergänzt. Das Erhabene als ästhetische Kategorie wird nicht ausschließlich, jedoch häufig auf die sinnliche Wahrnehmung von Natur und deren Wirkung im Menschen angewendet.

 

„Erhaben ist damit die Natur in ihrer Erscheinung, deren Anschauung die Idee ihrer Unendlichkeit mit sich führt,

oder erhaben ist ein Gegenstand der Natur, dessen Vorstellung das Gemüt bestimmt, sich die Unendlichkeit der

Natur als Darstellung von Ideen zu denken“ (Rehfuss 2005).

 

Die Betrachtung des Erhabenen, die des Menschen „Gemüt in Rührung und Ernst versetzt“ (Rehfuss 2005) lässt ihn sich auf sich selbst besinnen und ihn in seiner Ganzheit spüren. Hierzu auch Richard Sennett, der in Civitas über die Geschichte der Großstadt schreibt und Phänomene immer wieder mit der sich wandelnden Geistes- und Ideengeschichte der Gesellschaft verknüpft:

 

„Der Mensch, der in die Fülle der Natur eintritt, spürt, daß er nur ein Geschöpf unter vielen ist; endlich sind seine

Hoffnungen, seine Schwierigkeiten, seine Niederlagen ins richtige Verhältnis gerückt, die blüht und gedeiht, ohne

Rücksicht darauf, wie es diesem Menschen ergangen ist“ (Sennet 2011, S. 113).

 

Die Moralisten der Aufklärung, zu denen auch Jean-Jaques Rousseau zu zählen ist, sahen in den Städten die Gefahr, dass die Menschen ihres inneren Lebens beraubt, sie viel mehr Mängel spüren, als es von Nöten sei und viel leichter auf den „Weg der Liederlichkeit“ (Sennett 2011, S. 136) geraten, als es ein Leben auf dem Lande vermöge. Hierzu sei eine Seite aus Rousseaus Träumereien eines einsamen Spaziergängers zitiert, in dem er von seinen Spaziergängen berichtet: 

 

„wenn ich meinen Kopf ganz freigebe und meine Gedanken ungehindert und ohne Zwang sich selbst überlasse. Diese

einsamen Stunden der Betrachtung sind die einzige Zeit des Tages, wo ich völlig ich selbst bin und mir ganz ohne

Ablenkung, ohne Hindernis gehöre und wo ich in Wahrheit sagen kann, ich sei das, was die Natur aus mir machen wollte“

(Rousseau 1978, S. 648).

 

Sicherlich ist in Zeiten, in denen es möglich ist Pflanzen gentechnisch zu verändern, eine Definition von Natur als alles, „was nach eigenen innewohnenden Kräften sich gestaltet und entwickelt, ohne dass es durch menschliche Tätigkeit verändert wurde“ (Wiesen 2005), diskutierbar. Jedoch begnüge ich mich an dieser Stelle mit diesem Definitionsversuch, da er meines Erachtens für die alltägliche Lebenswelt des Menschen immer noch die größte Bedeutung hat. Betrachtet man sich nur die gewaltige Kraft einer kleinen Löwenzahnpflanze, die sich inmitten einer asphaltierten Straße der Sonne entgegen reckt. Sicherlich unterscheidet sich ein städtischer Park von einem Urwald, ein bepflanzter Balkon von einem Heiden, Wiesen und Waldstücken. Warum umgeben wir uns mit Zimmerpflanzen, suchen Parks auf um freie, erholsame Stunden dort zu verbringen? Weil wir es genießen Lebendiges um uns zu haben. Anzumerken bleibt an dieser Stelle, dass Grün- und Naturräume, in denen wir uns im alltäglichen Leben aufhalten, weithin vollkommen gefahrenfrei für uns sind. Dies im Sinne natürlicher Gefahren, die von wirklichen Naturräumen, wie Wüsten, Urwäldern oder tiefen Gewässern für uns ausgehen. Ebenfalls gibt es eine große Bandbreite an Abstufungen, inwiefern wirklich Natur mit Erholung und städtische Grünräume mit Natur assoziiert werden. Die Beschaffenheit dessen, was wir als Natur wahrnehmen ist von unserer individuellen, gesellschaftlichen und kulturellen Prägung abhängig. Diesbezüglich auch der Hinweis auf eine Untersuchung zur Bedeutung städtischer Grün- und Naturräumen und deren Auswirkungen auf die empfundene Lebensqualität von Stephan Wild-Eck, die eben die Elemente der Erholung und des gesteigerten Wohlbefindens stark herausarbeitet (Wild-Eck 2003, S. 407).

 

Wo liegt er nun der Unterschied zwischen dem Drinnen und dem Draußen? Er liegt im Nichtvorhandensein der Wände, die uns in einem Drinnen umgeben. Diese Wände, die uns je nach Beschaffenheit weder den Wind, noch die Sonne, keine Gerüche und keine Geräusche wahrnehmen lassen. Die uns in unterschiedlichem Maße abschotten von unserer Außenwelt, uns aber auch schützen vor ungewollten Einflüssen. Wir benötigen ein Innen um uns sicher zu fühlen und um ein Draußen genießen zu können.

Über Privatsphäre

Mit einer Dimension der Bedeutung des 'Innen‘ möchte ich ein weiteren Abschnitt eröffnen. Immer wieder wurde bei den Aufenthalten im Feld, bei den Besichtigungen der einzelnen Objekte, konkret also bei den Besuchen anderer Menschen in deren Wohnungen, das Thema Privatsphäre präsent. Dies zunächst im Hinblick auf die Reaktion der Menschen, die ich mit meiner Anfrage konfrontierte sowie auf das ungewohnte Gefühl, mich in einer Form als Eindringling zu fühlen. Neben dieser zwischenmenschlichen Komponente, rechtfertigt jedoch auch die Stellung des Balkons die Auseinandersetzung mit dem Privaten und den Grenzen der Privatsphäre.

Nun ist das Private, so vertraut uns das Wort auch scheint, ein Begriff der in unterschiedlichsten Diskursen verhandelt werden kann. Auf einige Aspekte möchte ich im Folgenden weiter eingehen. Zum einen, um sie an kleinen Beispielen der Empirik zu erläutern, zum anderen um in anderen Abschnitten wieder auf sie zurückgreifen zu können. Vorangestellt werden soll jedoch zu allererst der Versuch einer kurzen und dennoch klaren Definition des Privaten.

 

Die Verankerung des Privaten geht sehr tief, das macht nicht nur die gesetzliche Regelung des Rechtes auf Privatsphäre deutlich (Artikel 12 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte). Wie im vorangehenden Absatz und dem Eintrag zu Raum und Wohnen deutlich gemacht, gehört das Abgrenzungsbedürfnis zu den elementaren Bedürfnissen des Menschen. Der rechtliche Diskurs ist nicht der Einzige, in dessen Rahmen eine Auseinandersetzung  mit Privatheit stattfindet. Die vorherrschende Disziplin in der Privatheitsforschung ist die Philosophie. Zu den Grundlagenwerken der deutschsprachigen Diskussion mit dem Privaten ist die Abhandlung von Beate Rössler zu zählen. Der Wert des Privaten beinhaltet eine umfassende Auseinandersetzung den unterschiedlichen Facetten des Privaten, einen Überblick und Evaluation bisherigen Definitionsansätze sowie einen Definitionsvorschlag (siehe dazu Rössler 2001).

Ein Ausgangspunkt für die Definition des Privaten ist die Bestimmung des Privaten als das „right to be left alone“  aus der englischsprachigen Forschungsliteratur (Waren/Brandeis 1980, zitiert nach Rössler 2001, S. 20). Andere Ansätze beginnen bei der Idee der Kontrolle. Ausgehend hiervon schlägt Rössler folgende Definition vor:

 

„Als privat gilt etwas dann, wenn man selbst den Zugang zu diesem »etwas« kontrollieren kann. Umgekehrt bedeutet

der Schutz von Privatheit dann einen Schutz vor unerwünschtem Zutritt anderer" (Rössler 2001, S. 23).

 

Genauer beinhaltet diese Definition drei unterschiedliche Dimensionen, die Rössler in folgenden Kategorien fasst: Die dezisionale Privatheit beschreibt den Anspruch, geschützt zu sein vor ungewünschtem Hineinreden und Fremdbestimmung bei Handlungen oder Entscheidungen. Die informationelle Privatheit bedeutet die Kontrolle über den Informationsfluss die eigene Person betreffend. Die lokale Privatheit beschreibt die Kontrolle des Zugangs anderer in private Räume oder Bereiche (siehe dazu Rössler 2001, S. 25) Diese zuletzt genannte Dimension wird hier die meiste Beachtung finden.

 

Man mag sich nun fragen, inwiefern es bei der Feldforschungstätigkeit zu Überschreitungen der Grenze des Privaten gekommen ist. Die Erfahrungen, die mich zunächst einmal mit dieser Grenze konfrontierten, waren direkt von Beginn an die unterschiedlichen Reaktionen der Menschen, bei denen ich den Zugang zu deren Wohnungen, deren privatem Raum erfragte. Betrachtet man die Situation des unangekündigten Besuchs, die auf die meisten der hier verhandelten Fälle zutrifft, so lässt sich Folgendes feststellen: Im ersten Moment, wenn ich die Klingel betätige, weicht die Situation vom Innern der Wohnung aus betrachtet noch nicht von einer möglichen Alltagssituation ab. Die erste Abweichung ist die Art und Weise meines Anliegens. Hier lässt sich der erste Bezug zu dem Umgang herstellen, den wir normalerweise mit der Grenze in unsere privaten Räume pflegen. Wem gestatten wir das Überschreiten dieser Schwelle? Für gewöhnlich Bekannten, Freunden, Familienmitgliedern. Die Irritation, die in vielen Fällen von meiner Anfrage ausgelöst wurde, lässt sich also in Zusammenhang mit dem Grad an Gewohnheit bringen, den wir im Umgang mit einer solchen Situation haben. Die Kombination aus unbekannter Person und in dieser Art ungewohnter Anfrage löst zunächst einmal Irritation aus. Gewähre ich einer befreundeten Person Zugang zu meiner Wohnung, so tue ich das mit einem noch hohen Maß an gefühlter Kontrolle, weil mir der bisherige Kontakt mit der Person als Grundlage dient, die Situation einzuschätzen.

Je besser ich eine Person einzuschätzen weiß, desto sicherer fühle ich mich im Umgang mit ihr. Durch die direkte Anfrage an der Tür, der direkten persönlichen Konfrontation, nehme ich der befragten Person ein Stück des sicheren Umfeldes. Der Zeitraum, der ihr für die Einschätzung der Situation zur Verfügung steht ist wesentlich kürzer, als der meinige, mich auf die Situation vorzubereiten. Betrachtet man die soziale Struktur einer solchen Begegnungssituation, so setzt meine direkte Anfrage und mein Warten auf eine Reaktion mein Gegenüber potenziell unter Druck. Und dies ohne, dass mein Gegenüber auf Erfahrungswerte ähnlicher Situationen zurückgreifen kann. Generell ist der Mensch um eine erfolgreiche soziale Situation bemüht. Diesbezüglich sehr empfehlenswert sind die beiden Studieun des Soziologen Erving Goffmans Wir alle spielen Theater und Stigma  in denen er die Funktionsweise des Verhaltens und über die Bewältigung beschädigter sozialer Identitäten spricht (Goffman 2003a und Goffman 2003b). 

 

Nach einer kurzen Zeit der Einschätzung erfolgt also eine Reaktion auf meine Anfrage, die sich theoretisch von Individuum zu Individuum unterscheiden kann. Was ich jedoch an diese Stelle zu berücksichtigen versuche, ist die relativ hohe Dichte an Situationen, in denen mir zunächst und auch unterschiedlich lang anhaltend, Skepsis auf meine Anfrage entgegengebracht wurde. Ich bringe diese Skepsis auch deswegen in direkte Verbindung mit Eindringen in den privaten Raum, weil das der erste Schritt ist, der auf Zustimmen meiner Anfrage folgt. Der erste meiner Schritte geht direkt in die Wohnung. Wie viele der privaten Räume ich durchlaufe bevor ich zum Balkon komme, ist von Wohnung zu Wohnung unterschiedlich. Unterschiedlich ist also auch wie viele Informationen ich aus dem privaten Raum bekomme. In den Fällen, in denen die befragten Personen ihre Skepsis überwanden, mich in ihre Wohnungen ließen, um mich zum Balkon zu führen, variierte die Informationsbereitschaft sehr stark. Dies, bezüglich der Balkonnutzung an sich, aber auch bezüglich der restlichen Wohnsituation sowie Informationen über das persönliche Leben. Nach den ersten Feldforschungsversuchen wurde mir klar, dass der Umgang mit Privatsphäre ein sehr wichtiger Aspekt ist, wenn der Gegenstand der Forschung innerhalb dieser Grenze liegt, oder die Grenze selbst betrifft. Wenn ich mir im Rahmen dieser Arbeit Häuser zu Feldforschungszwecken, das heißt mit einem bestimmten Erkenntnisinteresse, anschaue, dann zielt mein Blick auf einen Bereich, der trotz von Außen sichtbar, zu einem Teil als dem privaten Raum zugehörig empfunden wird. Um diesen Bereich von Nahem zu betrachten, benötige ich die Erlaubnis einer Person, die Grenze ihres privaten Raumes zu überschreiten.