Feldforschung


Über die Beschaffenheit von Forschungsfeld und Datensatz

Grundlage dieser Auseinandersetzung ist eine Forschungstätigkeit, die im Rahmen des Projektseminars Wohnkultur durchgeführt wurde. Während der ersten Projektphase wurde neben der Entwicklung einer forschungsleitenden Fragestellung an der Erstellung eines Datensatzes gearbeitet. Der dieser Untersuchung zugrunde liegende Datensatz wurde von mir durch unterschiedliche Feldforschungsaufenthalte, Text- sowie Bild und Tondokumentation erstellt. Ein Zwischenbericht mit einem ausführlichen Überblick über den Datensatz ging dieser Arbeit in Form eines Projektberichtes voraus.

Methodisch stütze ich mich während meiner Feldforschung auf unterschiedliche Formen der Befragung sowie der Textdokumentation durch Führen eines Feldtagebuchs sowie der Bilddokumentation der besichtigten Objekte. Als Vorbereitung diente mir hier die Auseinandersetzung mit qualitativen Forschungsmethoden der Ethnografie, der empirischen Sozialforschung, der Anthropologie sowie der Mikrogeschichte. In der tatsächlichen Feldforschung arbeitete ich in den meisten Fällen mit einer unangekündigten Anfrage bei den Objektbesitzern beziehungsweise Bewohnern. Zwei Anfragen erfolgten über bereits vorhandene Kontakte, in zwei weiteren war der Zugang nur nach Vereinbarung Verabredung möglich. Insgesamt dienen 15 dokumentierte Fälle als Ausgangsbasis der im Folgenden durchgeführten Auswertung. Die Verwendung des Bildmaterials eines Objektes wurde im nachgehenden Gespräch nicht gestattet. Das Gespräch der letzten Objektbesichtigung wurde aufgezeichnet und in Teilen transkribiert. Einige der Objekte weichen stark von denjenigen ab, die durch die Fragestellung eigentlich fokussiert wurden. Diese wurden in ihren Eigenheiten in der Auswertung dieser Arbeit miteinbezogen und für unterschiedlich aufschlussreich für die Auswertung befunden. Eine Reflexion des methodischen Vorgehens wurde ausführlich im Rahmen des Projektberichtes und der nachgehenden Präsentation und Diskussion durchgeführt.


Feldtagebuch

 

BESICHTIGUNG VOM 10.05.2015

Erste Begehung heute. Gestern schon hatte ich das Mädchen im Nauwieser Viertel am Hauseingang angesprochen, sie schloss grade die Tür auf. Sehr nette Reaktion; ich etwas schüchtern. Sie freut sich über das Thema. Sagt sie habe einen Balkon, aber jetzt keine Zeit. Sie bot mir aber eben an heute nochmal zu kommen. Es gibt keine Gegensprechanalage, sie macht aber den Eindruck als habe sie mich erwartet. Erzählt von ihrer Wohnsituation: 3er Wg, sie hat das kleinste Zimmer, es gibt eine Küche, Essflur, Bad und WC. Die Zimmer der anderen gehen zur Straße raus. Die führt mich in ihr Zimmer; es wirkt hell. Viel Holz, einige Blautöne, viele Pflanzen etwas weiß. ((Erinnert mich stark an meine Wohnung in Karlsruhe, darüber sprechen wir)). Sie zeigt alles freudig, ausgeprägte Gestik. So auch der Balkon. Sie sagt, ich dürfe jetzt Bilder machen, wenn ich will. Die Hängematte hängt schon -> Inszenierung Balkon mit Hängematte? (wird weggeräumt und wieder hingehängt). Ich mache drei Aufnahmen, mehr nicht. Es ist wenig Platz. Sie hängt die Hängematte weg, holt Stühle. Wir sitzen ca 15. Minuten auf dem Balkon. Es ist kaum Distanz zwischen uns. Sprechen über den Genuss in der Sonne zu sitzen, den Ausblick ins Grün (Innenhof des Häuserblocks sehr grün mit vielen Bäumen). Ich frage nach der Balkongestaltung -> sie macht das, am liebsten ganzen Gemüsegarten, es geht aber viel kaputt. Im Hof unten hat sie Kürbis angepflanzt. Und momentan hat sie noch nicht viel. Gespräch geht zu Ende, es gibt wohl nicht mehr über den Balkon zu sagen. Ich kündige mein Gehen an, sie räumt die Stühle weg, hängt die Hängematte wieder auf und erzählt währenddessen davon, dass sie in der Hängematte liege, wenn es regnet. Durch die Balkone oberhalb ist alles überdacht. -> Durchgehend sehr fröhliche Reaktion, offen und erzählfreudig. Behalten: Mehr Befragung weniger Gespräch?


BESICHTIGUNG I VOM 4.6.2015

Von der Straße aus habe ich eine Häuserreihe mit Balkonen gesehen. Einige davon sind üppig gestaltet, einen solchen suche ich mir heraus. Ich klingle im Dachgeschoss des Hauses. Es gibt eine Gegensprechanlage -> das erste Mal die Herausforderung mein Anliegen so kurz wie möglich und doch klar zu formulieren. Ich entscheide  mich schnell für den Einsatz eines Kompliments, dann das übliche. An der Wohnungstür erwartet mich eine Frau, einige Jahre älter als ich. Ich wiederhole quasi noch einmal ausführlicher, was ich an der Tür gesagt habe. Sie antwortet sehr leise und fast immer nur in einem Wort. Ich komme mir seltsam aufdringlich vor. Sie lässt mich in die Wohnung -> den Flur entlang, Blick in die Küche, durchs Wohnzimmer auf den Balkon. Alles ist schlicht aber gemütlich. Die Balkontür steht weit offen. Ich versuche die Stimmung etwas zu lösen, ein Gespräch zu beginnen. Erzähle wieso ich hier geklingelt habe und mache erneut Komplimente für den Balkon. Sie lächelt. Es macht den Eindruck, sie freue sich wirklich. Auf die Frage nach der Bedeutung ihres Balkons -> „grünes Wohnzimmer“. Frage zur Wohnsituation  -> sie wohnt alleine. Ich frage, ob ich Bilder machen darf, darf ich, mache ich. Ich frage noch, was sie hauptsächlich macht auf dem Balkon -> sitzen und lesen. Die Stimmung hat sich nicht geändert, komme mir immer noch aufdringlich vor. Ich bedanke mich und verabschiede mich.


BESICHTIGUNG II VOM 4.6.2015

Auf dem Weg durch das Treppenhaus klingele ich ein Stockwerk tiefer und klopfe an die Tür um kenntlich zu machen, dass ich bereits im Haus bin. Es öffnet ein Mann. Ich trage mein Anliegen vor. Die Stimmung ist lockerer als bei der Besichtigung zuvor. Er meint, wegen ihm kann ich das gern anschauen, er hat nur nicht viel Zeit. Er führt mich in die Wohnung  -> anderer Schnitt, anderer Weg. Flur -> Küche -> Balkon. Ich trete hinaus und muss schmunzeln. Frage, ob er alleine in der Wohnung wohnt, er bejaht. Frage, ob ich Bilder machen darf -> er bejaht. Frage nach der Hauptbeschäftigung hier draußen. Er lacht und meint, das könne man ja sehen (Einrichtung Grill, sonst nicht viel siehe Bild). Dann erläutert er noch, er grille nicht allzu oft, aber manchmal und ab und zu Feierabendbier im Sommer. 


BESICHTIGUNG I VOM 18.6.2015

Heute nochmal Nauwieser Viertel. Klingel an einer Klingel mit vielen Namen. Keine Gegensprechanlage, die Tür geht auf. Ich laufe hoch, junger Mann (Mitte 20),  stell mich vor ->  studentisches Projekt =kein Problem. Der Flur geht in beide Richtungen, wir laufen links, direkt in die Küche. Unterhalten uns viel über die Hausgemeinschaft. Unten im Innenhof ist ein sehr schöner Garten -> ich möchte nochmal wieder kommen. Vom Balkon aus sieht man, Nachbarhaus hat ebenfalls Balkone, auch hier möchte ich nochmal kommen. Dann sprechen wir über die WG (4er). Jede hat so seinen Teil dran. Die meisten rauchen, dann mal Grillen. So richtig zum draußen sitzen reicht es nicht -> nicht genug Platz. Muss über die Bepflanzung schmunzeln. Sprechen nochmals über den Garten unten. Der ist schon besonders im Nauwieser Viertel. Nutzt v.a. die Familie im EG und vom andren Haus noch jmd. Nach ca 15. Minuten gehe ich. 


BESICHTIGUNG II VOM 18.6.2015

Wohngebäude in der GHF-Straße. Zugang über einen großen, teils gewerblich genutzten Innenhof. Ich klingle-> Klingel mit vielen Namen; keine Gegensprechanlage. Ich geh hoch 3. Stock. Junger Mann macht mir auf, er telefoniert. Er legt das Telefon weg während ich rede. Entschuldigt sich kurz bei mir und ruft nach seiner Mitbewohnerin. Ich erzähle auch ihr was ich will und was ich so mache. Anschauen kein Problem. Wir gehen recht den Flur entlang, nochmal rechts in die Küche. Kleiner Balkon. Recht vollgestellt (siehe Bild). Ich frage, ob ich Bilder machen darf -> Ja. Ich frage, ob sich jmd. hauptsächlich darum kümmert - nein, jeder hat so seinen Bereich. Ihre MB und sie haben gepflanzt, der Grill ist vom MB, der macht gern mal n 12 Stunden-Braten. Sei ganz nett, aber nicht so besonders. Schau mir den Ausblick an. Hauswand ist sehr nah. Der Innenhof hat wenig grün. Ich bedanke mich und verabschiede mich.


BESICHTIGUNG VOM 6.7.2015

Ich werde angesprochen, als ich eine Klingel auswählen will; ein älterer Mann fragt, ob er mir helfen könne, ich: falls er Bewohner dieses Hauses sei, ja -> erzähle von meinem Projekt; ich hatte den Innenhof von einem anderen Gebäude aus gesehen, wusste ungefähr, wie er aussieht -> mögl. These: Komplimente für das Objekt erleichtern den Kontakt / der Mensch will gefallen er lässt sich meinen Ausweis zeigen, entschuldigt sich für seine Skepsis, ich finde das kein Problem, muss nur schmunzeln -> mir fällt auf, dass ich denke, dass in diesem Fall mein Auftreten und Äußeres keinen Unterschied macht -> vielleicht doch in punkto zurückschrecken, weiß man aber nicht

Als wir die Wohnung betreten, erzählt er vom Aufbau des Hauses, er ist der Einzige, der so wohnt; fragt mich nach meinem Studium, Gespräch wird unterbrochen, da das Telefon klingelt, er führt mich in den Innenhof und nimmt das Telefonat an. Ich mache Bilder.

Als er das Telefonat beendet, bietet er mir an am Gartentisch Platz zu nehmen; das Gespräch geht weiter: Erzählt von seinen Erfahrungen mit Online-Plattform für Mitfahrgelegenheiten; fragt, was ich bisher gemacht habe, wo ich herkomme und was das Projekt genau sei; was ist HA/EE, Ethnologie; -> ich beantworte alle Fragen.

Wir kommen auf Zukunftsperspektiven, speziell im Saarland ; er erzählt, wie schwer es ist im Kulturbetrieb, speziell im Saarland, die betreffende Bevölkerungsschicht ist nicht groß genug; kennt viele, die es als Künstler versuchten, entweder sie machen etwas anderes, oder sind weggegangen, erzählt von zwei Bekannten.

Irgendwann lenken wir wieder auf den Innenhof.

- er wohnt hier über 30 Jahre, die ersten Jahre mit seiner Frau, die ist inzwischen verstorben. Umzug hier her, als der Sohn auszog

- Stadt ist Eigentümer, Wohnung wurde saniert; für die Gestaltung des Innenhofs übernahm sie die Kosten, wenn Arbeit selbst geleistet wurde; erzählt von Baumaßnahmen: Boden, Beete, Mäuerchen, Bepflanzung

- Besonderheit: Ruhe mitten in der Stadt; Jahreszeiten, etwas Natur -> nur im Winter, da ist es überall zu kalt, Wohnung ist nicht aufzuheizen -> denkt jedes Jahr über Umzug nach, tut es jedoch nicht, mehr noch seit er alleine wohnt -> dann jedes Jahr im Frühling vergisst er alles wieder, wenn draußen wieder Leben ist, Pflanzen, Tiere, Ruhe, Sonne; seit einigen Jahren lebt drüben im EG eine Familie mit Kindern, das genießt er auch, er kennt sie nicht allzu persönlich, seine Enkel wohnen nicht hier, sie bringen Leben, das ist schön

Themen, die ich im Nachhinein nicht exakt chronologisch einordnen kann:

- Gartenarbeit, keine Nutzpflanzen, so macht er das gerne, Gemüseanbau, wäre zu viel, besonders damals, als er noch arbeitete

- Kompost: es gibt einen Kompost, ich frage nach, weil ich denke, das ist nicht erlaubt: er sagt, wenn man so lange in einer Wohnung lebt und immer klar kam mit der Stadt als Vermieter, sagen die zu vielem nichts mehr

 

Ich gehe nach mehr als 1,5 Stunden Gespräch.