Einiges über den Balkon


Als architektonisches Objekt ist der Balkon zum einen Gestaltungselement zum anderen wird er, wie Terrasse und Garten auch, den Wohnraumergänzungsflächen, seltener auch der Außenwohnfläche, zugerechnet (siehe dazu Tschierschky 1953). Die Nutzung des Balkons findet jedoch in der lebensweltlichen Praxis ein weitaus höheres Maß an Thematisierung, als in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Nicht nur, wer einmal auf Wohnungssuche war, die Wohnungsanzeigen studiert hat weiß, dass ein Balkon, eine Terrasse oder gar ein Garten Qualitätsmerkmale sind, die den Wert eines Wohnobjektes steigern. Die Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V. veröffentlichte 2003 ein Mitteilungsblatt zum Thema Freisitze, Balkone, Loggien.  Inhaltlich richtet sich diese Quelle an Architekten und Bauingenieure; zu lesen sind Konstruktions-, Rechts- und Kostenhinweise. Das Interessante ist, auch bei der Auseinandersetzung mit dem Balkon als bauliches Element, dass immer wieder ein besonders hoher Nutzen für den Benutzer des Balkons als Ziel formuliert wird. Neben Hinweisen auf die Geschichte des Balkons (Wallberg 2003, S. 6) sind Anmerkungen über klassische Nutzungsweisen vorhanden. Kommentare zu Rechten und Nutzungseinschränkungen nehmen Bezug auf Nutzungsgewohnheiten und damit auf die kulturelle Praxis des Menschen.

 

Immer wieder ist über den Stellenwert eines Balkons als Qualitätsmerkmal einer Wohnung zu lesen. „Nach Erfahrungen der Wohnungsunternehmen in Schleswig-Holstein sind Wohnungen ohne Balkon nicht, oder nur noch schwer vermietbar - und wenn, dann nur noch bei entsprechender Wohnungsknappheit auf dem Markt“ (Walberg 2003, S.6).

Seit Mitte der 1950er Jahre, nach einer Stellenwertsteigerung der Wohnqualität, gehören Balkone zu einem festen Bestandteil, vor allem von Wohngebäudeneubauten, immer mehr auch bei Altbausanierungen. Die Stadt Wien änderte noch Beginn der 2010er Jahre die Baubestimmungen, um die Nachrüstung von Balkonen zu erleichtern (siehe dazu den Internetauftritt der Stadt Wien: Stadt Wien 2014; Stuhlpfarrer 12.08.2013; Herrnböck 17.10. 2012).

An einigen älteren Gebäuden aus der Zeit vor der Jahrhundertwende sieht man noch deutlich die Unterscheidung der Balkone in Schmuckbalkone auf der Vorderseite des Hauses, gebaut zu Zwecken der Repräsentativität und den Wirtschaftsbalkonen an der Hinterseite des Gebäudes. Diese sind meistens der Küche vorgelagert und dienten damals primär für bestimmte Hausarbeiten und als Wäschetrockenplatz (siehe dazu Walberg, 2003, S.6). Die Aufteilung zweier Balkone ist durchaus auch bei Häusern jüngeren Datums zu finden. Beispielhaft sei ein fünfstöckiges Mehrparteienhaus genannt, dessen Wohnung zu einem Teil mit zwei Balkonen ausgestattet sind. Ein Balkon ist der Küche vorgelagert, einer dem im Grundriss als Wohnzimmer markierten Raum. Der Balkon, der sich an das Wohnzimmer anschließt dominiert deutlich in der Größe. Zusätzlich ist er an der Hinterseite des Gebäudes, der straßenabgewandten Seite angebracht. Hier ließe sich ein Wandel der Bedürfnisse ablesen, zu deren Befriedigung ein Balkon beitragen soll. Hingewiesen sei hier auf die Qualitätskriterien, die der Arbeitskreis für zeitgemäßes Bauen e.V. im Hinblick auf Freisitze formuliert. Aufgelistet werden hier neben Größe und Wohnumfeld außerdem: Ausreichende Besonnung (aber auch: Sonnenschutz), Schutz vor Wind, Lärm und Luftverschmutzung, Schutz vor nachbarlicher Einsicht sowie Aussicht (siehe dazu Walberg 2003, S.5). Was ich im Folgenden zeigen möchte ist, dass sich der Zweck eines Balkons in den Jahren gewandelt hat. Aspekte, die mehr dem privaten, nicht dem öffentlichen und auch nicht dem arbeitsamen Leben zugehörig sind. Aspekte wie Erholung, Entspannung, der Genuss von Grünpflanzen, der Genuss frischer Luft und Sonne sind wichtige Mehrwertaspekte, wenn es heutzutage um die Wertschätzung eines Balkons geht (siehe dazu Harloff (u.a.) 1993, S. 149-174). Verweisen möchte ich an dieser Stelle noch auf Untersuchungen zum Wert städtischer Grünräume bezüglich der Lebensqualität in Städten. Stephan Wild-Eck arbeitet hier auch stark den Aspekt des Rückzugs und der Erholung heraus (Wild-Eck 2003, S. 407f).

 

Betrachten wir den Balkon als solchen: Je nach Ausrichtung gehört er weder primär der Öffentlichkeit, noch der Privatheit an. Er ist jedoch zu unterscheiden von sogenannten Übergangszonen zwischen Haus und Öffentlichkeit wie es beispielsweise der Hauseingang ist. Es bleibt kaum eine passendere Beschreibung, als die materielle Beschaffenheit - es handelt sich um eine Auslagerung ausgehend vom Inneren. Ausgehend vom Privaten. Je nach Umfeld ist es ein Raum, auf den lediglich ein Mindestmaß der Kriterien von Privatsphäre zu treffen. Häufig sieht man Versuche, sich durch Sichtschutze vor den Blicken Anderer zu schützen. Tritt man auf dem Balkon hinaus, so gibt man eine räumliche Grenze auf. Ist er gut geschützt ähnelt die Nutzung viel mehr der des privaten Raums. Der Balkon als halbprivate und halböffentliche Zwischenzone.