Rückzug und Naturbedürfnis -

der Balkon als Lebensraum in der Stadt




Der Mensch als wohnendes Wesen -

ausgehend von diesem Punkt, zielt der folgende Blogeintrag auf die Frage, ob das menschliche Wohnbedürfnis neben dem Drinnen auch ein Draußen beinhaltet. Die ursprüngliche Fragestellung zielte auf ein menschliches Naturbedürfnis, wie es immer wieder Ausdruck in der Kunst gefunden hat, in der Philosophie thematisiert wurde, oder als Ursprung des gegenwärtigen Outdoor-Booms gelten kann. Und natürlich die Frage, inwiefern ein solches Bedürfnis im städtischen Raum Befriedigung findet. Im Hinblick auf den Menschen als wohnendes Wesen, rückte der Balkon als Untersuchungsgegenstand immer weiter ins Zentrum des Interesses. Der Balkon als städtischer Frei-, Grün- und Zwischenraum, als Gestaltungselement und Außenwohnbereich.

 

Nach einer Vielzahl von Streifzügen durch die Stadt Saarbrücken, wird man den suchenden Blick nach leicht oder schwerer einsehbaren Balkonen, Terrassen und Gärten nicht ganz einfach wieder los. Nicht alle Eindrücke sind dokumentiert. Diejenigen, die es sind, möchte ich hier zeigen und sie in unterschiedliche Kontexte einordnen. Im Hintergrund stehen theoretische Überlegungen zu einzelnen Aspekten, wie dem 'Wohnen' an sich, dem Unterschied zwischen Innen und Außen und dem Balkon als Objekt der Architektur und Teil des Wohnraums.  Entstanden sind die einzelnen Beiträge im Rahmen einer Projektarbeit zum Thema Wohnkultur an der Universität des Saarlandes. Einige meiner Ergebnisse sowie Auszüge aus den theoretischen Kapiteln der Arbeit möchte ich hier vorstellen. 


Eine Balkonlandschaft

Die Bilder zeigen es und in den Gesprächen wurde es noch deutlicher: es gibt zahlreiche persönliche wie nicht persönliche Faktoren, die die Art und Weise, wie ein Wohnfreiraum genutzt wird, beeinflussen. Im Folgenden werde ich zwei Kategorien vorstellen, bei denen jeweils ein Aspekt im Vordergrund steht.

Rückzugsorte

Zu den Orten: allen gemeinsam ist eine starke Atmosphäre. Diese bringe ich zum einen mit der Gestaltung, zum anderen mit dem Ausblick in Verbindung. Sie wird geprägt durch viele Pflanzen, einer ruhigen und in unterschiedliche Formen weiten Umgebung.

Die Bewohnerin der Wohnung wirkte von meinem Besuch sehr überrascht und etwas eingeschüchtert.  Sie beantwortete meine Fragen mit kaum mehr als einem Satz. Der Weg zu ihrem Balkon führte von der Wohnungstür einen Flur entlang, am Eingang zur Küche vorbei, durch das Wohnzimmer. Sie bewohnt diese Wohnung alleine. Schon am Hauseingang stehen ein paar üppig bepflanzte Kübel, die mir aufgefallen sind. Meine Vermutung bestätigte sich, sie stammen von derselben Gestalterin, wie dieser Balkon. „Grünes Wohnzimmer“ nennt sie ihn ein oder zwei Mal. Durch die beiden aufgespannten Sonnenschirme wirkt der Balkon nahezu nach allen Seiten hin abgeschottet. Die Pflanzen in den Kästen auf der Brüstung verdecken nahezu die Sicht auf jedes Haus in der Umgebung. Der Sonnenschutz trägt seinen Teil dazu bei. Bei genauem Umsehen bemerkte ich einen Balkon am Nachbarhaus auf derselben Höhe. Von der Mitte des Balkons aus ist dieser nicht sichtbar. Blickt man in gerader Richtung über den Balkon hinaus, sieht man die Baumwipfel  des Schwarzenbergs. Orientiert man den Blick in die Weite, fallen die Wohnhäuser in der Umgebung nicht besonders ins Gewicht. Unterstützt wird die Offenheit des Ausblicks dadurch, dass in Blickrichtung kaum Reihenhäuser zu finden sind. Viele der Gebäude sind von etwas Grün umgeben. Der Waldrand ist nicht weit entfernt. Während meiner Besichtigung sind die Stühle zusammen geklappt. Auf meine Frage, was sie so hauptsächlich auf dem Balkon mache, antwortet sie: „sitzen und lesen“. Im Feldtagebuch notiere ich die Wahrnehmung einer sehr ruhigen Atmosphäre, obwohl ich nicht bewusst auf die Geräuschkulisse geachtet habe. Der Aufenthalt in der Wohnung dauerte nicht lange an. In dieser Begegnung lag ein wichtiger Impuls zu meiner Auseinandersetzung mit dem Thema der Privatsphäre. Die ganze Zeit der Besichtigung über habe ich das Gefühl ein Eindringling zu sein. Die gesamte Wohnung wirkt sehr privat, auch der Balkon. Betrachte ich den Zugang, so erfolgt dieser eindeutig nur über die privaten Räume. Besonders durch die aufgespannten Sonnenschirme, ist auch nahezu kaum eine Einsicht von Außen möglich. Ohne es ausprobiert zu haben, vermute ich geht der Blick im Sitzen, wenn er die Pflanzen überragt, lediglich in den Himmel.

Bei diesem Beispiel möchte ich aus gegebenem Anlass nochmal näher auf den räumlichen Verhältnisse an sich und den Aspekt des halböffentlichen Raums eingehen. Der Außenbereich dieser Wohnung ist Teil eines Innenhofes, der von zwei unterschiedlichen Wohngebäuden aus zugänglich ist. Die Abgrenzungen innerhalb des Innenhofes beschränken sich auf niedere Mäuerchen und eine abgrenzende Bepflanzung. Der abgebildete Bereich ist der einzige, der durch seinen Zugang eine eindeutige Zugehörigkeit aufweist. Konkret bedeutet dies, dass es der einzige Bereich ist, dessen Zugang durch eine private Wohnung geplant wurde. Trotz ihrer offenen Gestaltung, sind die unterschiedlichen Nutzungsbereiche klar. Besonders bei diesem Beispiel möchte ich auf die Beschaffenheit des Raumes im Hinblick auf den Grad an Privatheit und Grenzen eingehen. Herausstellen möchte ich, dass neben einem gewissen Maße an Abgrenzung, Vertrautheit mit dem Raum eine wichtige Rolle in der Privatsphäre spielen kann.

Eine grobe Skizze zeigt die räumliche Aufteilung innerhalb des Innenhofes. Die Abgrenzungen bestehen lediglich aus Pflanzen. Klare Grenzen bestehen in der Anlegung von Beeten, die kennzeichnen, dass kein Durchgang zwischen den beiden Gartenbereichen beabsichtigt ist. Der gesamte Innenhof ist umfasst von festen Grenzen in Form von Mauern - eine klare Abgrenzung zum öffentlichen Raum. Die Grenzen nach Außen sind deutlich als solche zu erkennen. Die Begrenzungen innerhalb des Innenhofes haben eine Art implizite Wirkung. Sie bieten zu einem geringen Maß Sichtschutz, jedoch scheint Abgrenzung nicht das vorherrschende Ziel bei der Gestaltung des Innenhofes gewesen zu sein. Auch den Erzählungen nach zu urteilen, sind in der alltäglichen Praxis die Nutzungsräume innerhalb des Innenhofes eindeutig. Ein Gartenbereich wird jeweils von den Bewohnern eines Wohnhauses genutzt.  Die beiden Bereiche bilden lediglich eine optische Einheit. Diese ist besonders wichtig für die Atmosphäre, die der gesamte Innenhof innehat. Die Durchsichtigkeit der Begrenzungen sorgt für die Wahrnehmung eines großen Raumes, der durch die Mauern nach Außen dennoch geschützt ist. Der Bewohner hat vor über 30 Jahren die Anlegung des Innenhofs initiiert.

Die Stadt Saarbrücken, die Besitzer der beiden Wohnhäuser ist, hat damals die Finanzierung übernommen. Die Arbeit machte das Ehepaar selbst. Der durchgehend geteerte Boden wurde aufgerissen, Erde aufgeschüttet, Mäuerchen wurden gezogen, Bäume gepflanzt. Nun nach 30 Jahren ist es die eigene kleine, zumindest zu einem Teil immergrüne, Oase. Wenn mein Gesprächspartner vom Erleben der Jahreszeiten spricht, kann man das Gefühl bekommen, es sei sein eigener kleiner Bezugspunkt zur Natur. Ruhe findet er hier draußen im Betrachten dessen, was ihn umgibt. 

Jedes Mal im Frühling sind alle kalten Tage des Winters vergessen. Es hält ihn seit vielen Jahren hier, auch wenn er es jeden Winter aufs Neue in Frage stellt. Der Kontakt zu seinen Nachbarn entspricht sehr der Beschaffenheit der Grenzen an diesem Ort. Seit einigen Jahren lebt im Erdgeschoss des anderen Wohngebäudes eine Familie mit kleinen Kindern. Der Gestaltung des anderen Gartenbereiches nach zu urteilen, wird dieser genutzt. Seine Erzählungen ergeben hierzu ein stimmiges Bild. Über die Anwesenheit der Kinder freut er sich, die brächten ein wenig Leben. Doch ein intensiver Kontakt findet nicht statt. Es scheint als genieße er die Anwesenheit seiner Nachbarn, doch eher in Form von implizitem nicht kommunikativem Kontakt. Auch dieser trägt entscheidend zur Qualität und dem Charakter des Innenhofes bei. Der Umgang mit allen Gegebenheiten des Innenhofes scheint eine starke Vertrautheit zu haben. Die als sehr stark empfundene Abgeschiedenheit nach außen wird zum einen durch die Fülle innerhalb des Innenhofes, zum anderen durch die Geschlossenheit des gesamten Bereiches erreicht. Die Abgrenzungen nach außen bestehen aus den eh vertrauten Wohnhäusern und einer bewachsenen Mauer. Überblickt man diese, sieht man in scheinbarer Ferne eine Hauswand, Details zu erblicken scheint unmöglich. Des Weiteren bleibt einem der freie Blick auf den Himmel. Zum einen mag es an der Ruhe liegen, denn wir sind bei meinem Besuch die einzigen Menschen, die sich im Innenhof aufhalten. Zum anderen halte ich die die Vertrautheit mit der Umgebung, die scheinbare Abgeschiedenheit nach Außen und den Kontrast zu einer gewöhnlichen städtische Szenerie, die man bei einem Gebäude inmitten des Saarbrücker Nauwieser Viertels erwarten würde, grundlegend für den Charakter eines Rückzugsortes. Die Vertrautheit mit der Umgebung des Innenhofes, sei es die Nutzung durch die Nachbarn, oder der Anblick der den Wohnhäusern zugehörigen Balkone, ist ebenfalls grundlegend dafür verantwortlich, dass ich diesem Raum ein hohes Maß an Privatheit, vermutlich jedoch passender einen privaten Charakter, zusprechen würde. Faktisch ist der ältere Herr nicht im Stande den Zugang zu seinem Innenhof zu kontrollieren. Dieser kann durch ein weiteres Gebäude erfolgen. Er ist jedoch nach vielen Jahren sehr vertraut mit der Anwesenheit der regulären anderen Nutzer, die die wenigen Grenzen, die gezogen sind zu seiner Zufriedenheit respektieren. An dieser Stelle, möchte ich den Aspekt der Kontrolle hinzufügen, dass ich bei jeder Grenzziehung darauf angewiesen bin, dass andere diese Grenze sehen und respektieren. Grenzüberschreitungen können, mit unterschiedlichem Aufwand, bei noch so eindeutiger Abgrenzung passieren. Durch die Gestaltung des Innenhofes, ist die Beschaffenheit der Grenze bewusst gewählt, also auch zu einem Stück weit kontrolliert worden. Aufgrund der nochmals vorhandenen Abgrenzung zum öffentlichen Bereich der Stadt, konnte hier ein für unterschiedliche Individuen privater Rückzugsort entstehen.

 

Funktionalität

Unter dem Schlagwort Funktionalität versuche ich all diejenigen Beispiel zu fassen, bei deren Nutzung ich eine gewisse Form der Zweckmäßigkeit sehe. Hier ergibt sich gleich zu Beginn eine Schwierigkeit, da allein der Begriff keinen bestimmten Zweck vorgibt. Um die Zweckmäßigkeit der Nutzung eines Gegenstandes zu bestimmen, müsste als Voraussetzung der Zweck bestimmbar sein. Da ich schon das nicht eindeutig leisten kann, kann ich genaugenommen keine eindeutige Zweckmäßigkeit in der Nutzung feststellen. In den 1950er Jahren gab es eine Aufwertung der Bedeutung der Wohnqualität, deren Folge es war, dass vermehrt Balkone in die Bauplanung mit einbezogen wurden. Dies habe ich als Hinweis darauf gedeutet, dass es einen Trend gibt, der sich abwendet von der reinen Zweckmäßigkeit, wie sie die Nutzung sogenannter Wirtschaftsbalkone innehat. Von diesem Standpunkt aus möchte ich die Betrachtung der folgenden Beispiele beginnen. Aspekte anhand derer ich die Zweckmäßigkeit oder Funktionalität verhandelt habe, sind Einrichtung, Gegebenheiten des Balkons sowie in Bezug auf das vorangestellten Beispiele Ausblick und Gestaltung des Balkons.

Das nebenstehende Foto zeigt einen Balkon. Bewohnt werden Wohnung und  Balkon von einem allein stehenden Mann. In diesem Fall erfolgt der Zugang zum Balkon nur durch ein kleines Teilstück des Flurs sowie die Küche. Ich kann, als ich den Balkon betrete, ein Schmunzeln nicht unterdrücken.

Zu den Haupteinrichtungsgegenständen gehören neben dem Grill, ein kleiner Tisch, zwei Stühle und eine Bank. Der junge Mann warnte mich schon als er mich in die Wohnung ließ, dass er nur sehr kurz Zeit habe. Als ich ihn fragte, wofür er den Balkon am häufigsten nutze, erwiderte er, ebenfalls mit einem Lächeln, dass man das wohl sehen müsse. Häufig jedoch grille er nicht. Im Sommer ab und zu ein Feierabendbier hier draußen. Auch in diesem Fall klingt der Genuss des 'an der frischen Luft seins' an. Ebenso ordne ich das „Feierabendbier“ in die Kategorie der Erholung ein. Ich mache wohl den größten Unterschied in der Atmosphäre und der Gestaltung der Balkone. Die Gestaltung, die sich auf die Einrichtung beschränkt, ist in höchstem Maße für die funktionale Atmosphäre dieses Beispiels verantwortlich. Jeder Einrichtungsgegenstand ist seines Zweckes dienlich und hat zum Gebrauch, nicht aufgrund seiner Wirkung seinen Platz auf dem Balkon gefunden. 

Zweckgebundenheit dient hier als zentraler Aspekt. Jedes Möbelstück, jeder  Einrichtungsgegenstand erfüllt eine Aufgabe  und hat damit einen gezielten Nutzen. Ein Aschenbecher, die Bepflanzungen, deren Zweck die Verwendung und nicht Dekoration ist, haben keinen atmosphärischen, sondern einen Nutzwert. Mit dieser Unterscheidung möchte ich schließen.