In der Wohnung - Ein weißes Schränkchen und ein großes, rotes Sofa


Ein Beispiel für ein in einen Wohnraum integriertes Flohmarktmöbelstück ist ein kleines, weißes Schränkchen. Die Besitzerin hat es, wie sie sagt, unschlagbar günstig erstanden. Außerdem war der Kauf des Schränkchens ein Spontankauf, sie hatte nicht nach einem solchen Schrank gesucht und hatte auch eigentlich keinen freien Platz in der Wohnung. Mittlerweile hat es seinen festen Platz an der Kopfwand eines Schlafzimmers. Bemerkenswert ist, dass das Schränkchen nicht aktiv benutzt wird. Es werden zwar Dinge darin aufbewahrt, allerdings sind es Dinge, die so gut wie niemals benutzt, sondern nur im Schränkchen verstaut werden. Die Besitzerin berichtet:

 

„Das Schränkchen ist glaube ich mein liebstes Möbelstück … achja, und es ist das erste Möbel, dass ich mir auf dem Flohmarkt gekauft habe, ich war da sonst eher wegen Klamotten. Ehrlichgesagt weiß ich auch nicht mehr, wieso ich ausgerechnet an diesem Tag das Schränkchen gekauft habe, weil ich genau gewusst habe, dass ich im Haus keinen Platz dafür habe. Aber ich fands einfach so schön. … Die geschwungenen Beine und vor allem die Verzierungen. Ich kenn mich da nicht so aus, aber so stell ich mir Barockmöbel vor. […]“

 

Aber warum genau benutzt sie es nicht?

 

„Der Grund dafür ist mir fast schon ein bisschen unangenehm, aber, das hab ich beim Kauf nicht gemerkt, wenn man die Türen und Schubladen aufzieht merkt man, dass es irgendwie modrig riecht. Ich nehm mal an, dass es lange in einem Keller oder so gestanden hat und dann den Geruch angenommen hat. Deswegen hab ich auch nur Sachen drin die ich nie brauche. Es ist ein bisschen Weihnachtsdeko drin und Kram, den ich eigentlich nicht brauche, aber noch nicht weggeschmissen hab. … Trotzdem sieht es schön aus. Nur als ichs gekauft habe wars noch nicht weiß. Es war eher beige. Ich habs dann gestrichen und die Verschnörkelungen neu bemalt. Ging gut. Und man sieht nicht großartig, dass es bemalt ist, wenn man nicht genau hinguckt. […]“

 

Betrachtet man die Detailaufnahmen des Schränkchens ist gut zu erkennen, dass es nach dem Kauf bemalt wurde. Ein wenig der Farbe ist abgeplatzt und darunter liegt ein beiger, leicht gräulicher Farbton. Das Schränkchen scheint auch als eine Kombination von Ablage- und Dekorationsfläche zu dienen. Trotz der hohen ästhetischen Qualität des Schränkchens und der Arbeit, die in die „Restauration“ gesteckt wurde, scheint es keine Sonderstellung unter den Möbeln zu haben. Es ist nicht in einer Weise präsentiert, die die Besonderheit ausdrückt, die die Besitzerin aber eindeutig mit dem Schränkchen verbindet.


"Möbel und die Bewohner der Räume, in denen sie stehen, beeinflussen sich gegenseitig."


Um die Zusammenstellung der Möbel, ihre Beziehungen zueinander und schließlich auch nochmals die Beziehung des Besitzers der Möbel zu ihnen besser zu verstehen, empfiehlt sich ein Blick auf das Grundlegende. Was tun Menschen in Wohnungen? Ganz einfach: Sie wohnen darin. Hierbei meint wohnen nicht einfach das räumliche umgeben sein von Wänden, Böden, Decken und einem Dach, sondern das Wohnen ist Ausdruck einer Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt. Wohnen ist das agieren innerhalb der Wohnwelt, das Umgehen und Leben mit den Möbeln. Wohnen ist Handeln (Flade, Antje: Wohnen, psychologisch betrachtet). Ich benutze die Möbel nicht nur in dem Sinne, dass ich auf dem Bett liege und auf dem Stuhl sitze, sondern ich nehme sie wahr als Teil eines Ganzen. Wenn ich in einem voll eingerichteten Zimmer auf einem Stuhl sitze, dann benutze ich in diesem Augenblick praktisch nur den Stuhl, theoretisch agiere ich in diesem Moment allerdings in einem Zusammenspiel von Möbeln, in dem der Stuhl nur ein Teilstück ist. Die Möbel können als Individuen gesehen werden, die ihre alleinigen Qualitäten haben, die aber in einem alle Möbel umfassenden Gesamtensemble stehen. Wird hierbei die Herkunft, die Geschichte der Möbel betrachtet, dann stellen sich durch die Anwesenheit von Flohmarktmöbeln spezielle Objektbeziehungen ein, zwischen Möbelstück und Möbelstück, aber auch zwischen Möbelstück und Mensch.

 

Ein Beleg für diese These ist das Experiment von Peter Menzel, welches von Maurizia Boscagli in ihrer Stuff Theory erwähnt wird. Menzel ließ Familien in den USA ihre gesamte Einrichtung aus dem Haus räumen und alles vor dem Haus versammeln. Danach fotografierte er die Familie mit ihren Möbeln vor dem Haus. Er kam zu dem Schluss, dass die Möbel jetzt keine Möbel mehr sind, da man ihnen durch das Herausräumen aus dem Haus die Beziehung zueinander genommen hat. Sie sind losgelöst voneinander und auch losgelöst vom Innenraum, sie stehen in keiner Beziehung mehr zueinander und haben auch keine Beziehung mehr zu ihren Besitzern. Letztlich sind sie nur noch Müll. Auch Hans Peter Hahn beschreibt in Von der Ethnografie des Wohnzimmers – zur „Topographie des Zufalls“ die Beziehungen der Möbel in einem Wohnzimmer zueinander. Er sieht das Wohnzimmer auch als ein Ensemble von Möbeln und Gegenständen, die Bedeutungen übermitteln. Diese vermittelten Inhalte sind Aussagen über die Besitzer der Möbel, die sich über ihren Besitz definieren. Somit wäre die Verbindung aufgebaut zwischen der in diesem Kapitel eingeführten Verbindung, die zwischen den Möbeln herrscht, und der Erzeugung von Identität durch die Möbel.



Es lässt sich feststellen: Möbel und die Bewohner der Räume, in denen sie stehen, beeinflussen sich gegenseitig. Wo aber liegt nun der Mehrwert, den Flohmarktmöbel in einen Raum miteinbringen? In den zuvor vorgestellten Beispielen ist eben dieser Mehrwert bereits angeklungen. Das grüne Telefon, welches durch seine Wählscheibe und die Kabel sofort preisgibt, dass es aus einer bereits vergangenen Zeit stammt. Die Schaufensterpuppen, die einem Interessenten ins Auge gefallen sind, weil sie anders aussehen als die Puppen, die heutzutage in den Geschäften stehen. Das Schränkchen, welches seine Besitzerin durch seine Verzierungen und geschwungenen Beine an prunkvolle Barockmöbel erinnert. Diese drei präsentierten Möbelstücke beziehungsweise Einrichtungsgegenstände, im entferntesten Sinne, und auch ein Großteil der Dinge, die auf dem Flohmarkt erworben werden können, haben eine entscheidende Gemeinsamkeit: Sie sind alt, oder sie erwecken zumindest den Eindruck, alt zu sein. Sie haben eine Geschichte, eine Vergangenheit. Diese Spuren, solange es keine Kratzer im Lack oder ähnliches sind, können nicht gesehen werden. Sie sind unsichtbar und doch vorhanden. Sie liegen wie eine Aura um das Möbelstück. Auch stille, nicht lebendige Objekte wie Möbelstücke haben einen Lebenslauf, eine Biografie (Hahn, Materielle Kultur). Sie tragen Erinnerungen in sich. Genau dieser Erinnerungsgehalt ist es, der die Flohmarktmöbel von den Kaufhausmöbeln unterscheidet. Flohmarktmöbel können in vielen Fällen folglich über ihren Erinnerungswert definiert werden (Samida, Stefanie, Eggert, Manfred K. H. und Hans Peter Hahn (Hg.): Handbuch Materielle Kultur).

 

Es scheint, als ob Flohmarktmöbel tatsächlich Liebhaber von alten und gebrauchten, bereits belebten, Möbelstücken brauchen, die sich darüber im Klaren sind, dass das Möbelstück eine Geschichte hat. Diese Geschichte wird der Besitzer in den meisten Fällen nicht erfahren, aber trotzdem ist sie da. Sie klebt an dem Möbelstück und wird bleiben, solange es existiert. Ein IKEA Möbelstück, als Vergleichsobjekt, muss ich mir nicht erst aneignen oder das Verständnis dafür entwickeln, dass es eine Geschichte hat, denn die hat es nicht. Die Geschichte des neuen IKEA Möbelstücks prägt der erste Besitzer, so wie die Geschichte eines Schranks aus den 1960er Jahren, der heute auf einem Flohmarkt verkauft wird, von dessen Besitzer(n) geprägt wurde. Die zuvor erwähnte Aura eines Möbelstücks könnte auch als Stimmungswert beschrieben werden, so wie Jean Baudrillard es in seinem 1968 erschienenen Werk Das System der Dinge, Über unser Verhältnis zu den alltäglichen Gegenständen, getan hat. Die Objekte in einem Zimmer, auf die die Beschreibung alt und gebraucht zutrifft, „entsprechen dem Bedürfnis, Zeugnis, Andenken, Nostalgie und Evasion zu sein“ (S. 95). Die Möbel erinnern an vergangene Zeiten und beeinflussen so die Atmosphäre des Raumes (S. 95f.).


Zentrale Begriffe - Flohmarktgüter in Verbindung mit Nostalgie und Kitsch


Ein zentraler Begriff, der unter anderem das Interesse an alten, erinnerungsschweren Gegenständen aufgreift, ist die Nostalgie. Der Duden definiert Nostalgie als

 

„vom Unbehagen an der Gegenwart ausgelöste, von unbestimmter Sehnsucht erfüllte Gestimmtheit, die sich in der Rückwendung zu einer vergangenen, in der Vorstellung verklärten Zeit äußert, deren Mode, Kunst, Musik o. Ä. man wieder belebt.“

 

Unterbewusst könnte also auch die Nostalgie, die Sehnsucht nach alten Zeiten, die man selbst nicht erlebt, von der man aber eine idealisierte Vorstellung hat, der Grund für die Entscheidung für Flohmarktmöbel sein. Das grüne Telefon mit Wählscheibe weckt in seiner Besitzerin möglicherweise die (nicht vorhandene) Erinnerung an Zeiten, die sie selbst nicht erlebt hat. Sie hat womöglich selbst nie ein Telefon mit Wählscheibe zum Telefonieren benutzt, stellt es sich aber „lustig“ oder „cool“ vor.

Ein weiterer Begriff, der im allgemeinen Sprachgebrauch sicherlich oftmals als Synonym für Flohmarktgütern verwendet wird, wenn man an Tiffany-Lampen, bestickte Leinwände oder kleine Tiere aus Porzellan denkt, und der auch von der Käuferin des Telefons ausgesprochen wurde, ist Kitsch. Der Duden sagt über den Kitsch:

 

„Aus einem bestimmten Kunstverständnis heraus als geschmacklos [und sentimental] empfundenes Produkt der darstellenden Kunst, der Musik oder Literatur“ geschmacklos gestalteter, aufgemachter Gebrauchsgegenstand.“

 

Als Synonyme werden „Geschmacklosigkeit; (abwertend) Schund; (meist spöttisch) Edelkitsch“, sowie „Nippes, Nippsachen, Talmi, (umgangssprachlich) Klimbim, Krimskrams, Plunder; (abwertend) Flitter, Hokuspokus, (veraltend) Tand“ genannt. Kitsch ist etwas, das nicht zu 100% richtig ist, beispielsweise eine Lampe, deren Fuß zu verschnörkelt oder deren Schirmfarbe zu bunt und knallig ist.



Dennoch hat Kitsch, laut des Handbuchs Materielle Kultur eine klare Funktion:

 

„Es geht um Verschönerung und Behübschung, um Entspannung und Trost, um die Evokation positiver Gefühle und um die Rührung, um angenehme, mit der Welt versöhnende Reize und das seelische Wohlbefinden.“

 

Außerdem ginge es auch darum:

 

„[…] sich mit falschen Tröstungen und Harmonien eine heile Welt vorzugaukeln, in der alles klein, niedlich, überschaubar, geordnet, harmonisch und rührselig sein darf, um die Härte, die Ungerechtigkeit und die Differenz der Wirklichkeit nicht wahrnehmen zu müssen.“

 

Die in dieser Beschreibung von Kitsch verwandten Wörter scheinen exakt zu der Vorstellung zu passen, die die Käuferin des grünen Telefons von ihren Flohmarktgütern hat. Sie findet ihre Sachen schön (Verschönerung, Behübschung) und die Flohmarkteinkäufe „machen [sie] auch irgendwie froh.“. Besonders die letzte Aussage, dass die Gegenstände vom Flohmarkt sie auf eine Art und Weise froh machen, deren genauen Grund sie nicht erklären kann, findet sich in der Beschreibung von Kitsch und seiner Funktion aus dem zuvor genannten Handbuch wieder. Der eigentliche Sinn des Kitsches, dem vermutlich vor allem Befürworter und Liebhaber des Kitschigen zustimmen würden, besteht aus der Bestärkung positiver Gefühle, Rührung, angenehmer, die Welt versöhnender Reize und des seelischen Wohlbefindens.

 

Personen die kitschige Gegenstände ansammeln und sich an diesen erfreuen, täuschen sich allerdings nur selbst, da die positiven Gefühle, die der Kitsch provoziert, lediglich vor der Realität abschirmen. Sie legen einen Schleiher zwischen das eigene Leben, inklusive der eigenen Wohnwelt und aller Besitztümer, und die mitunter grausame Wirklichkeit. Auch wenn Kitsch allem Anschein nach sehr negativ bewertet werden kann, ist seine Funktion der „Evokation positiver Gefühle" innerhalb unserer eigenen vier Wände jedoch nachvollziehbar. Wenn sich jemand durch Kitsch einen Wohnraum erschaffen kann, in dem er sich wohl fühlt, dann erfüllt sich die Vorstellung eines Wohnraums, einer Wohnung, eines Hauses oder eines Zimmers als möglicher Rückzugsort, in dem Privatheit und Gemütlichkeit herrschen können.



Zurück zum Hauptthema: Das Möbelstück, um das es in diesem Beispiel hauptsächlich geht, ist das große, rote Sofa. Es steht in einem Wohnraum, einem kombinierten Schlaf-, Wohn- und Arbeitszimmer, und ist von einigen weiteren Möbelstücken vom Flohmarkt umgeben. In diesem Raum lassen sich fast alle Aspekte der Wohn- sowie der Materiellen Kultur wiederfinden, die zuvor, vor dem Hintergrund der Sonderstellung der Flohmarktmöbel, erörtert wurden.

 

Die Fotografie rechts zeigt einen Ausschnitt des Zimmers, in dem sich das Sofa, sowie zahlreiche andere Möbel und Gegenstände vom Flohmarkt befinden. Die Bewohnerin des Zimmers ernannte das rote Sofa zu ihrem Lieblingsstück im Raum: „Es ist alt und rot und wunderschön. Ich liebe den gemusterten Stoff (siehe Fotografie in der Mitte). Es war außerdem nicht teuer. Ich werde dieses Sofa nie wieder hergeben.“ Es ist alt. Wie alle anderen Flohmarktmöbel in dem Zimmer ist das Sofa ein Stück gelebte Geschichte, die die Besitzerin (vermutlich) nicht kennt. Unterbewusst kann das der Faktor sein, der die Möbel zu Besonderheiten macht. Denn wieso sonst sollte man einen Gegenstand lieben, der alt ist? Das Adjektiv alt könnte, in Bezug auf Möbel, durchaus als negativ gesehen werden. Ein altes Familienerbstück, mit dem man persönliche Erinnerungen verbindet, bildet hier die Ausnahme. Aber ein Möbelstück, dessen Geschichte man nicht kennt? Es scheint eben diese Ungewissheit über die Vergangenheit des Möbelstücks zu sein, die es interessant und es Wert macht, es zu besitzen.



Insgesamt ist das Zimmer sehr voll, um nicht zu sagen vollgestopft. Die Bewohnerin scheint, ähnlich wie die Besitzerin des grünen Telefons, es als angenehm zu empfinden, sich mit vielen Gegenständen zu umgeben. Das Umgeben mit vielen Gegenständen ermöglicht, wie die Analyse gezeigt hat, den (unbewussten) Ausdruck der persönlichen Identität eines Menschen. Die Identität wiederum entsteht durch die wechselseitigen Beziehungen der Möbelstücke untereinander und deren Beziehung und Beeinflussung der Person, die das Zimmer bewohnt. Das heißgeliebte Sofa aus diesem Beispiel, welches den Kern des Zimmers bildet, trägt in sich den unsichtbaren Gehalt der Erinnerung, der in das Zimmer hineinwirkt. Ebenso tragen alle anderen Möbel und Einrichtungsgegenstände des Zimmers, beispielsweise der Sessel, das weiße Schränkchen, der Holzstuhl und die Garderobe, zu dieser „Aura der Erinnerung“ bei. Das Wirken dieser Aura kann vom Bewohner des Zimmers wahrgenommen werden, da dieser weiß, dass seine Möbel bereits Erinnerungen gesammelt haben, bevor er sie für seinen Wohnraum auf dem Flohmarkt gekauft hat. Die Aura wird als positiv empfunden und bestärkt den Bewohner in seiner Entscheidung, sich mit vielen Gegenständen zu umgeben.