Auf dem Flohmarkt - ein grünes Telefon und zwei alte Schaufensterpuppen


Die interviewte Käuferin suchte auf dem Flohmarkt nach einem Telefon mit Wählscheibe. Es sollte eigentlich schwarz sein, doch der niedrige Preis (5,50€) erlaubte ihr, sich auch mit dem auf dem Bild zu sehenden grünen Exemplar anzufreunden. Das Telefon, so erzählte sie, wird sie als Dekoration benutzen:

 

„Es kommt auf jeden Fall auf die Kommode, ich hab sonst auch echt keinen Platz mehr für Dekosachen. Immer wenn ich was Neues kaufe muss irgendwas altes weichen. Trotzdem ist alles zugestellt, aber ich mag das so. Ich will irgendwie einfach viele Sachen in der Wohnung haben. …“

 

Interessant. Für das Telefon ist eigentlich kein Platz mehr in der Wohnung. Trotzdem wurde es gekauft und auf die besagte Kommode gestellt (Bild oben rechts). Alles ist zugestellt, „aber [sie] mag das so.“ [Sie] will irgendwie einfach viele Sachen in der Wohnung haben. …“. Diese Aussage ist gehaltvoll. Viele Sachen um sich zu haben kann also ein Bedürfnis sein und ein positives Wohngefühl schaffen. Die obigen Aussagen implizieren, dass die Käuferin des Telefons ihre Wohnung, und damit auch sich selbst, bewusst mit vielen Gegenständen, vor allem auch Gegenständen vom Flohmarkt, belädt. Sie versammelt Dinge um sich herum. Und sie liefert dafür auch eine Erklärung:

 

„Ich hab einfach das Gefühl dass ich mir immer besondere Dinge aussuche, Sachen die dann nur ich habe, Sachen die ein schönes Muster haben oder die mir bekannt vorkommen, auch Sachen die ich in Filmen gesehen habe, und so … Ich weiß auch nicht, die Dinge sind mir wichtig, sie machen meine Wohnung persönlich … und sie machen mich auch irgendwie froh (lacht)“

 

Zweifelsohne spielt auch die Besonderheit der Gegenstände vom Flohmarkt eine Rolle in der Entscheidung für die Flohmarktwaren. Besonderheit in dem Sinne, dass die Dinge einzigartig sind, oder vielmehr, dass der Käufer sie für einzigartig hält. Die Kaufentscheidungen die auf dem Flohmarkt getroffen werden sind vollkommen subjektiv, da eben nicht (unbedingt) die Dinge angeboten werden, die man sucht (vielleicht sind statt eines schwarzen Telefons nur grüne zu finden).

 

Die Funktion des Telefons, und auch anderer kleinerer Gegenstände, die die Käuferin auch auf dem Flohmarkt erstanden hat (Bild oben rechts), ist durch ihre Deklaration als Dekorationsgegenstände geklärt. Die Interviewte geht in ihrer Beschreibung noch einen Schritt weiter und schreibt den Dingen das Attribut des Kitsches zu. Drei Besonderheiten in Verbindung mit Flohmarktmöbeln stechen aus diesem Beispiel hervor: Zum ersten geht es darum, Sachen um sich zu versammeln, das heißt möglichst viele, eventuell unterschiedliche Sachen zu besitzen. Zweitens ist es anscheinend möglich, seine Individualität und Persönlichkeit durch seine Besitztümer, die vom Flohmarkt stammen, auszudrücken und drittens könnten manche der Gegenstände als kitschig angesehen werden. Was bedeutet das?


"Ich hab' das Gefühl, dass ich mir immer besondere Dinge aussuche."


Um das „sich mit vielen Dingen umgeben“ näher zu betrachten, erscheint es sinnvoll, sich zunächst genau mit dem Gegenteil dieses Vorgehens zu beschäftigen: „sich mit so wenig Dingen wie möglich zu umgeben“ oder, einfacher, mit dem Konzept des Minimalismus. Letzteres ist an sich ein eigenes, riesiges Themenfeld, welches hier nicht ausgiebig bearbeitet werden soll, jedoch ist es zu naheliegend, um es gänzlich zu missachten. Macht jemand die Aussage „Ich will einfach viele Sachen in der Wohnung haben“, so stellt er oder sie klar, dass es für die besagte Person ein wichtiger Teil des Lebens und Wohnens ist, Dinge zu konsumieren und zu besitzen. Hierbei bleiben reine Gebrauchsgegenstände, die, wie ich hier jetzt einfach behaupte, als unbedingt notwendig angesehen werden, wie etwa Stühle, Kochtöpfe, Schränke und ähnliches, außen vor. Es geht um die Anschaffung oder, dramatischer, Anhäufung von Dingen, die zum Leben nicht unbedingt notwendig sind. Bezogen auf das Telefon aus dem ersten Beispiel kann gesagt werden, dass ein Telefon an sich, in seiner eigentlichen Funktion als Telefon, eher zu den Gebrauchsgegenständen zählen würde, die eben nicht überflüssig, sondern eher notwendig sind. Sieht man das Telefon allerdings als Dekorationsgegenstand und entfremdet es von seiner eigentlichen Funktion, der eines Kommunikationsgerätes, so wird es zu einem überflüssigen Gegenstand. Ein Gegenstand, der, wenn er sich trotzdem in der Wohnung befindet, obwohl er nicht benötigt wird, die Wohnung negativ beschwert und beeinflusst.

 

Im Minimalismus geht es sehr grob gesagt darum, sich von allen Dingen zu befreien, die nicht dazu dienen, Grundbedürfnisse, wie Schlafen, Essen und Lernen, zu befriedigen. Folglich ist es in Ordnung ein Bett zu besitzen sowie jegliche Küchenutensilien, die zur Zubereitung des Essens tatsächlich notwendig sind, es wäre aber „unzulässig“ ein Telefon zu besitzen, welches nicht zur Kommunikation genutzt wird. Treffenderweise fasst ein im Spiegel erschienener Artikel schon mit seiner Überschrift die Kernaussage des Minimalismus Konzeptes zusammen - Minimalisten: Haste nix, biste was!. Wäre die Besitzerin des Telefons, der es wichtig ist viele Dinge zu besitzen, Dinge, die „nur“ Dekoration sind, Dinge, die ihr ein gutes Gefühl geben, einfach nur weil sie Teil ihrer Einrichtung sind, dann so zu beschreiben: Sie hat viel, also ist sie nichts? Das scheint nicht zutreffend zu sein.

 

Zunächst ist zu fragen, welches die Grundbedürfnisse sind. Natürlich, im Allgemeinen sind Grundbedürfnisse diejenigen, welche befriedigt werden müssen, um das Weiterleben eines Individuums zu gewährleisten. Es scheint allerdings eher so zu sein, dass es nicht ausreicht, nur seine Grundbedürfnisse zu befriedigen, um wirklich zu leben. Zum Leben und dessen Ausgestaltung gehört mehr. Für den Minimalisten ist dieses mehr eben gerade das weniger. Sein zusätzliches Bedürfnis, welches die Grundbedürfnisse überschreitet, ist sich selbst zu befreien von den Besitztümern, die er selbst als überflüssig ansieht, um sich so zu verwirklichen und vielleicht bewusster, oder zumindest auf das für ihn wesentliche fokussiert, zu leben. Parallel dazu ist für den „Anti-Minimalisten“, zu denen Flohmarktkäufer oftmals gehören, das oben erwähnte mehr tatsächlich das mehr an Besitztümern. So wie sich der Minimalist selbst verwirklicht, indem er sich von Dingen befreit, verwirklicht sich sein Kontrapart dadurch, sich mit Dingen zu beschweren, im neutralen bis positiven Sinne.

 

Die Selbstverwirklichung und das Ausdrücken der Individualität erfolgt über die Anwesenheit der Dinge. Dieses Bedürfnis der Selbstverwirklichung und des damit einhergehenden Ausdrucks der Individualität, sei es durch die Entsorgung von Dingen oder das Anhäufen von Dingen, übersteigt die Grundbedürfnisse. Um den direkten Bezug zu den Flohmarktmöbeln nicht zu verlieren sei an dieser Stelle nochmals betont, dass es darum geht, diejenigen Gegenstände zu betrachten, die besonders geeignet dafür sind, die Individualität ihrer Käufer auszudrücken. Dies trifft auf Gegenstände zu, die insofern individuell sind, als dass es sie oftmals nicht mehr im regulären Handel zu kaufen gibt (wie zum Beispiel ein Telefon mit Wahlscheibe aus den 1960er Jahren). Das Besitzen vieler Gegenstände ist wie sich zeigte also eng verbunden mit dem Ausleben der eigenen Individualität, und diese wiederum ist eng verknüpft mit der eigenen Identität. Gegenstände können also Aussagen über unsere Identität machen (Schäfer, Annette: Wir sind, was wir haben, S. 130).



Ein Mann interessiert sich für die Schaufensterpuppen, die augenscheinlich aus einem vergangenen Jahrzehnt stammen. Die Gesichter sind sehr detailreich, Schaufensterpuppen heutzutage haben eher selten noch Gesichter (siehe hierzu die Abbildungen 4 und 6 im Anhang). Außerdem entspricht die Körperform, so zumindest mein subjektiver Eindruck, nicht dem heutigen Schönheitsideal. Auffällig sind außerdem die „Schuhe“ der Puppen (siehe hierzu Abbildung 5 im Anhang). Der Mann, der sich für die Schaufensterpuppen interessiert, erzählt, dass er für seinen Eingangsbereich zu Hause gerne eine Schaufensterpuppe hätte, „Einfach als Gag“, wie er sagt. Er hat zwar kein Sammelsurium an Flohmarktmöbeln, aber unter anderem besitzt er ein Grammophon vom Flohmarkt, das leider nicht funktioniert, aber sehr schön aussieht. Seit er das Grammophon auf einem Flohmarkt gefunden hat, geht er immer öfters auf Flohmärkte, wenn er etwas „Spezielles“ für seine Wohnung sucht, so wie jetzt eine Schaufensterpuppe.

 

„Das Blöde ist, dass ich zu meinem Vierzigsten eine Schaufensterpuppe geschenkt bekommen habe. Ein Freund von mir arbeitet bei Karstadt, der konnte von der Arbeit aus eine gebrauchte Puppe organisieren, und hat sie mir dann zusammen mit anderen Freunden geschenkt. `Ne gute Idee war das schon, aber ich hätte, wenn ich ehrlich bin, lieber eine Puppe wie die hier, eine die sichtlich alt ist.“

 

Warum muss man denn sehen, dass sie alt ist?

 

„Das wär spezieller. Sich eine neue Schaufensterpuppe zu besorgen ist nicht so schwierig, deswegen wollt ich `ne Alte. Die ist seltener […]“

 

In diesem Fall spielt wieder die Individualität der Flohmarktware eine Rolle. Der Flohmarkt ist in diesem Fall nicht nur eine, sondern die einzige Möglichkeit, um etwas Besonderes zu finden. Ich mutmaße, dass nicht viele Leute Schaufensterpuppen als Teil ihrer Wohnungseinrichtung haben, deswegen wäre es so oder so eine Besonderheit, auch wenn es eine Schaufensterpuppe „von der Stange“ ist. Trotzdem reicht eine „normale“ Schaufensterpuppe nicht aus, um den Grad an Individualität für die Wohnungseinrichtung zu erreichen, die der Käufer sich vorgestellt hat.