"Die Dinge sind mir wichtig, sie machen meine Wohnung persönlich, ... und sie machen mich auch irgendwie froh."

Leben mit Möbeln vom Flohmarkt



Trödel, Kitsch, Tand... Müll? - Ausgangslage und erste Ideen


Flohmarkt – auf einem Flohmarkt werden gebrauchte Sachen verkauft, ob aus vergangenen Jahrzehnten oder Gegenstände, die es auch heute noch im Handel zu kaufen gibt, von professionellen Händlern, Hobby-Verkäufern oder Privatpersonen, es wird gehandelt und gefeilscht. Die Auswahl an angebotenen Waren ist scheinbar grenzenlos: Kleidung, Bücher, Stoffe, Knöpfe, Spielzeug, Geschirr, Bettwäsche, Schallplatten, DVDs, Videofilme, CDs, Hörspielkassetten, Werkzeuge oder Küchengeräte sind nur einige Dinge die in den Sinn kommen können. Die Bezeichnungen für die Fundstücke vom Flohmarkt sind ebenso vielseitig, sie reichen von Antiquität über Trödel zu Kitsch und sogar Müll. Auch für die eigene Wohnung oder das Haus lässt sich etwas auf dem Flohmarkt finden, zum Beispiel Möbel, Einrichtungsgegenstände und Dekoration. Vom Teelichthalter bis zum massiven Holzschrank kann alles dabei sein. Innerhalb des Projektseminars über Wohnkultur gilt es nun, die beiden Bereiche Flohmarkt, als Ort des Konsums, und Wohnraum, als Ort des Wohnens und auch Lebens, miteinander zu verbinden.

 

Die Verbindung wird offensichtlich schon dadurch hergestellt, dass Flohmarktkäufe, in vorliegendem Fall vor allem Möbelstücke, in einen Wohnraum gebracht werden und dort dann mit diesen Möbelstücken gelebt wird. Aber ändert die Tatsache, dass die Möbel auf dem Flohmarkt gekauft wurden und somit Kriterien erfüllen, die Möbel aus dem Einrichtungshaus nicht erfüllen, etwas daran, wie mit den Möbeln gelebt wird?

 

Zusammengefasst hatte das Projekt zum Ziel herauszufinden:

  • Ob, und wenn ja, inwiefern, der Wohnraum durch das Hinzufügen von Flohmarktmöbeln verändert wird
  • Wie die gekauften Möbel und Gegenstände im Wohnraum arrangiert werden.
  • Ob es Unterschiede zwischen Möbeln aus dem Kaufhaus und den Möbeln vom Flohmarkt gibt.

Schon allein die augenscheinliche Sonderstellung des Flohmarktes als Alternativort des Konsums impliziert, dass die Waren, die auf dem Flohmarkt gekauft werden, sich von Waren aus dem Kaufhaus unterscheiden. Nein, die Tatsache, dass es (vor allem) gebrauchte Gegenstände/Möbelstücke sind, die auf dem Flohmarkt verkauft werden, reicht als Beleg des Unterschieds nicht aus. Dennoch ist es ein Ansatz. Ein Querschnitt durch die zuvor genannten Fragen wirft folgende neue Fragestellung auf: Welche (unbewussten) Faktoren führen zu der Entscheidung für Flohmarktmöbel, im Gegensatz zu Möbeln aus dem Kauf- und Einrichtungshaus, sowie die Frage danach, ob Möbel vom Flohmarkt den Wohnraum, in dem sie platziert werden, verändern und, falls ja, wie sie dies tun. Besser noch: Wodurch verändern Möbel vom Flohmarkt den Wohnraum, in dem sie stehen? Denn, so viel sei bereits hier verraten, sie verändern ihn maßgeblich. Vielmehr noch, als es auf den ersten Blick scheint.

 

Während der einjährigen Projektarbeit sind zahlreiche Fotografien und Interviews sowie zwei Essays entstanden. Teile dieser Arbeitsergebnisse finden sich in den Unterseiten dieses Blogeintrags.



Forschungsmethoden

  • Interviews auf Flohmärkten und in Wohnungen: Ansprechen der Besucher des Flohmarkts/unangekündigte Interviews in zufällig ausgesuchten Wohnungen
  • Fragen (Auswahl): Warum kaufst du auf dem Flohmarkt? Was kaufst du auf dem Flohmarkt? Wieso hast du dich gerade für diesen Gegenstand entschieden? Wie wirst du den Gegenstand in deine Wohnung integrieren? Benutzt du die Gegenstände vom Flohmarkt täglich?
  • Fotografieren der Gegenständen auf dem Flohmarkt/in der Wohnung
  • Eventuell: Skizzen von dem Zimmer, in das der Flohmarktkauf integriert werden soll

Flohmarktmöbel als den eigenen Lebensstil prägende Faktoren?


Möbel vom Flohmarkt verändern den Wohnraum maßgeblich. Sie füllen den Raum, sie dienen als Identifikationsobjekte, sie lassen es zu, dass Gefühle auf sie projiziert werden, sie wecken und bestärken romantisierte Vorstellungen der Vergangenheit, sie können kitschig sein, sie können als besonders, als einzigartig, als schön befunden werden. Das Untersuchungsergebnis, welches ich als am eindringlichstes und bemerkenswertesten empfunden habe, ist der Mehrwert der Erinnerung, den Flohmarktmöbel in sich tragen und durch den sie sich von anderen Möbeln unterscheiden. Flohmarktmöbel laden die Atmosphäre eines Raumes mit Erinnerung auf und lassen den sich der Vergangenheit der Möbel bewussten Besitzer die veränderte Stimmung eines Raumes spüren. Diese bewusste Wahrnehmung der Qualität und der positiven Belastung der Möbel mit Geschichte, Erinnerung und Vergangenheit, und das daraus resultierende, positive Wohngefühl, können in der Ausbildung eines Lebensstils resultieren. Stil kann definiert werden als die Äußerung unserer inneren Vorgänge (Georg Simmel, zitiert in: Drieseberg, Thomas J.: Lebensstil-Forschung). Werden unsere inneren Vorgänge also, ich schließe hier Empfindungen und Entscheidungen mit ein, beeinflusst durch äußere Einflüsse, also auch durch unsere Wohnumgebung und folglich durch unsere Möbel, dann spielen Flohmarktmöbel und deren hier analysierten Eigenschaften eine zentrale Rolle in der Bildung des Lebensstils ihrer Besitzer.

 

Am Ende des Projektes steht die Erkenntnis, dass Wohnkultur sich aus mannigfaltigen Teilbereichen zusammensetzt, von denen die Möbel vom Flohmarkt selbst lediglich Ausdruck der Zusammenführung vom Flohmarkt, als Ort des Konsums, und der Wohnung, als Ort des Wohnens und Lebens sind. Ungeachtet dessen sind die Ergebnisse des in dieser Arbeit fokussierten Teilprojekts reichhaltig und besonders ein Ergebnis gilt es hervorzuheben. Flohmarktmöbel haben den „Möbeln von der Stange“ eines voraus: Ihr Mehrwert heißt Erinnerung.


Weiterführende Literatur


  • Baudrillard, Jean: Das System der Dinge. Über unser Verhältnis zu alltäglichen Gegenständen. Frankfurt am Main ³2007.
  • Boscagli, Maurizia: Stuff Theory. New York/London 2014.
  • Drieseberg, Thomas J.: Lebensstilforschung. In: Behrens, G., Hildebrandt, L., Kaas, K. P. et. al. (Hg). Konsum und Verhalten. Band 41. Heidelberg 1995.
  • Hahn, Hans Peter: Materielle Kultur. Eine Einführung. Berlin ²2014.
  • Hahn, Hans Peter: Von der Ethnografie des Wohnzimmers – Zur „Topografie des Zufalls“. In: Tietmeyer, Elisabeth, Claudia Hirschberger und Karoline Noack (Hg). Die Sprache der Dinge – kulturwissenschaftliche Perspektiven auf die materielle Kultur. Münster/New York/München/Berlin 2010, S. 9-21.
  • Samida, Stefanie, Manfred K. H. Eggert und Hans Peter Hahn (Hg): Handbuch Materielle Kultur: Bedeutungen – Konzepte – Disziplinen. Stuttgart 2014.
  • Schäfer, Annette: Wir sind, was wir haben. Die tiefere Bedeutung der Dinge für unser Leben. München 2012.
  • Schulz, Benjamin: Minimalisten: Haste nix, biste was. Der Spiegel. Online Edition. 15.07.2011. < http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/minimalisten-haste-nix-biste-was-a-773718.html > (02.03.2016)
  • Definition: Nostalgie. Duden. Online Edition. < http://www.duden.de/node/664089/revisions/1307292/view > (21.02.2016)
  • Definition: Kitsch. Duden. Online Edition. < http://www.duden.de/node/690652/revisions/1395799/view > (21.02.2016)